Bahnhof Friedrichsthal: Schandfleck ohne Zuständigkeit | Regio-Journal


Bahnhof Friedrichsthal: Schandfleck ohne Zuständigkeit

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Der alte Bahnhof in Friedrichsthal modert seit Jahren vor sich hin. Der Zustand ist erbärmlich, zuständig fühlt sich niemand. Das Gebäude ist in privater Hand.

Das ehemals stolze Gebäude ist ein Schandfleck, mitten in Friedrichsthal, eine Ruine, erbaut im Jahre 1910 – damals erbaut für mehr als 250.000 Mark inklusive Gleiserweiterung.

In ihm fanden sich bis in die 80er Jahre noch Bahnhofsrestaurant / Gaststätte, Fahrkartenschalter und mehrere Wohnungen.

Irgendwann, im Zuge der Bahnreform in den 90er Jahren wurden deutschlandweit tausende Bahngebäude veräußert. Laut „Welt“ deutschlandweit rund 2250 Gebäude im Wert von 150 Millionen Euro.

Auch der Friedrichsthaler Bahnhof gehörte dazu. Verkauft wurde, obwohl die Stadt Friedrichsthal ein Vorkaufsrecht hatte, an einen Privatinvestor. Angeblich für 5000 Euro. Die letzte im Internet kursierende Mindestverkaufspreis lag bei 50.000 Euro. Wie bei der Ortsbegehung bekannt wurde, wurde das Gebäude seit Abgabe durch die Bahn fünf weitere Male verkauft.

Da sich das Gebäude mittlerweile in jämmerlichem Zustand befindet, fand am 18. Juni 2021 eine Begehung mit Vertretern der Deutschen Bahn, der Politik und der Stadtverwaltung statt. Dass sich die Bahn beteiligt, scheint nicht ganz uneigennützig zu sein. Denn laut „Welt“ habe die Bahn mittlerweile eingesehen, dass die Verkäufe ihrer Gebäude in den 90er Jahren oftmals unglücklich waren. Auch in Friedrichsthal? Dies ist zumindest du vermuten, denn DB AG Bevollmächtigter Dr. Klaus Vornhusen sagte bei dem Begehungstermin mit Bürgermeister Christian Jung und Markus Uhl (CDU), MdB, der Zustand des Gebäudes „treffe die Bahn auch, sonst würden wir nicht hier stehen“.

Denn, nicht nur das große DB-Logo prangt weiterhin über dem ehemaligen Haupteingang, sondern vielmehr die Tatsache, dass im Volksmund das Gebäude „durch den Verkauf“ erst zu einer solchen Ruine wurde und das Stadtbild verschandelt, drückt auf die Beliebtheitswerte der Deutschen Bahn.

Keine Zuständigkeit bei Stadt und Bahn

Die Zuständigkeit wurde durch die Veräußerung jedoch klar geregelt: Das Gebäude sowie das Grundstück gehören einem privaten Käufer. Weder die Stadt Friedrichsthal noch die Deutsche Bahn haben mit diesem Schandfleck etwas zu tun. Nur bei drohender Gefahr für Bürgerinnen und Bürger muss Bauamt und Untere Bauaufsichtsbehörde aktiv werden. Den Sicherungsanordnungen kam der Käufer bisher nach.

Dass Pläne der Investoren scheitern, ist keine Seltenheit. Dies passiert bundesweit. Die Frage der Seriosität der Käufer ist jedoch vielmehr die wichtige. Hat die Bahn etwa das Gebäude, welches sich schon zu diesem Zeitpunkt nach Angaben zahlreicher Bürgerinnen und Bürger, nicht mehr im Bestpflegezustand befunden haben soll, vorschnell veräußert, um es los zu werden?

Geht es nach Bürgermeister Jung, liegt der Verdacht nahe. „Aus meiner Sicht war es der Fehler, das Gebäude sehenden Auges einem Windhund in den Rachen geworfen zu haben“, so der neue Bürgermeister der Stadt.

Welche Nutzungsmöglichkeiten?

Es bleibt die Frage nach der Nutzungsmöglichkeit. Das Gebäude ist mittlerweile teilweise eingestürzt und, wie man auf Bildern und Videos erkennen kann, kaum noch sanierungsfähig. Schöne Wohnobjekte in unmittelbarer Nähe zur Bahnsteigkante und Industriebetrieben werden sich ebenfalls nur schwer vermarkten lassen und der Blick auf die unattraktive Saarbrücker Straße sorgen sicher auch nicht für Begeisterungsstürme bei potenziellen Investoren. Welche Möglichkeiten bleiben also? Ein Komplettrückbau wäre sicherlich denkbar, sofern das Denkmalamt mitspielt – denn Denkmalschutz befindet sich ebenfalls noch auf dem Gebäude. Welche Teile hier ernsthaft schutzwürdig sind, ist zumindest fraglich.

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Am Ende könnte die Entwicklung einer grünen Lunge, also ein vollständiger Rückbau des Gebäudes mit neuen Aufgängen zum Bahnsteig und einer parkähnlichen Anlage noch das sinnvollste Nutzungskonzept sein, sofern sich nicht ein attraktiver Gewerbekunde findet, der diese Fläche sinnvoll bewirtschaften könnte.

Architekt Gregor Grauthoff (CDU) äußerte ähnliche Bedenken: „Eine öffentliche Nutzung ist aufgrund der Lage schwierig. Wäre das Gebäude 100 Meter weiter im Stadtkern, direkt am Markt oder Rathaus, könnte man eine öffentliche Nutzung möglich machen. Ich sehe hier nur eine gewerbliche Nutzung“. Mitglied des Bundestages und Wahlreisabgeordneter Markus Uhl (CDU) sieht eine „private Hand“ notwendig, um dieses Projekt zu stemmen. „Anders wird es wohl nicht möglich sein“, so Uhl. Dennoch wolle er prüfen lassen, ob es Möglichkeiten in bestehenden Förderprogrammen gebe.

Drei Haltepunkte in Friedrichsthal bleiben

Dr. Vornhusen konnte zumindest bestätigen, dass es seitens der Deutschen Bahn nicht geplant sei, einer der drei Haltepunkte aufzugeben. Uhl abschießend über den Friedrichsthaler Bahnhof: „Das ist eines der heftigsten Beispiele im Saarland, wenn nicht sogar das heftigste“. Bürgermeister Christian Jung ergänzte, dass das Projekt Bahnhof Friedrichsthal seit Jahren die Verwaltung beschäftige. Man werde erneut versuchen, mit dem Eigentümer in Kontakt zu treten und seine Ziele mit dem Gebäude zu eruieren. „Die Zeit des Rücksichtnehmens ist für mein Verständnis beendet“, so Jung weiter. „Der Zustand dieser Ruine ist eine Schande für unsere Stadt und muss endlich beseitigt werden. Ich hoffe auf Unterstützung durch Bund, Land und auch Deutsche Bahn. Gemeinsam müssen wir an der Lösung dieses Problems arbeiten“, so das Fazit des Bürgermeisters.

Einziger Lichtblick: Der Haltepunkt Friedrichsthal-Mitte wurde vor einigen Jahren neu gebaut, ist barrierefrei zu erreichen, gut ausgeleuchtet und mit Parkplätzen ausgestattet. Dass dieser Haltepunkt existiert, ist der Bahn zu verdanken. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man mit dem Verkauf des denkmalgeschützten Gebäude an windige Investoren der Stadt einen Bärendienst erwiesen hat.

Impressionen





Bildquellen:

  • Bahnhof Friedrichsthal Juni 2021: Regio-Journal
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  • Jung, Wagner-Scheid, Uhl: Regio-Journal
  • Bahnhof Friedrichsthal: Regio-Journal
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  • Christian Jung & Markus Uhl: Regio-Journal
  • Dr. Klaus Vornhusen: Regio-Journal

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