Chemie-Arbeitgeber sehen keinen Spielraum für Inflationsausgleich

In der Tarifrunde der Chemieindustrie fordern die Arbeitgeber von der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) eine Abkehr von ihrer Forderung nach einem Inflationsausgleich für die 580.000 Beschäftigten.

Das sagte der Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), Hans Oberschulte, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Freitagausgabe). Durch stark steigende Energiepreise und die wirtschaftlichen Folgen der Ukraine-Krise fehlten den Unternehmen nun die Spielräume dafür.

„So wie sich die IG BCE das vor dem 24. Februar vorgestellt hat, werden wir die Tarifrunde unter den neuen Umständen schlicht nicht führen können“, sagte Oberschulte. „Angesichts der extrem unsicheren Gesamtlage stellt sich vielmehr die Frage, ob wir derzeit überhaupt eine dauerhaft wirksame Entgelterhöhung vereinbaren können.“ Der BAVC vertritt in den Tarifverhandlungen 1.900 Unternehmen. Oberschulte ist auch Personalchef des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen. Nach ersten Gesprächen in den Regionalbezirken wollen sich die Chemie-Tarifparteien am Montag in Hannover zur ersten Runde ihrer Lohnverhandlungen auf Bundesebene treffen. Die IG BCE ist mit der Forderung angetreten, eine „nachhaltige Steigerung der Kaufkraft“ der Beschäftigten zu erreichen. Zwar hat die Gewerkschaft bisher keine konkrete Prozentzahl genannt. Angesichts von Inflationsraten von mehr als fünf Prozent hatte ihr Verhandlungsführer Ralf Sikorski aber deutlich gemacht, dass es dabei um Erhöhungen in einem Ausmaß gehe, „wie wir sie in den vergangenen Jahren nicht erlebt haben“.

Die IG BCE hatte ihren Forderungsbeschluss am 22. Februar gefasst, zwei Tage vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine. BAVC-Verhandlungsführer Oberschulte hob hervor, dass die aktuelle Krisensituation keinen automatischen Teuerungsausgleich durch Lohnerhöhungen erlaube. „Ich kann nicht einfach sagen: Die Preise gehen hoch, also müssen die Entgelte entsprechend steigen oder sogar stärker.“ Sämtliche Preissteigerungen träfen auch die Unternehmen – und die Chemieindustrie als Großkunden für Energie derzeit ganz besonders.

Tatsächlich stünden die Unternehmen sogar vor der Frage: „Bekommen wir überhaupt noch genug Energie für unsere Produktionsprozesse?“ Denn wenn Gasimporte ausfallen sollten, „würde nicht als Erstes den Haushalten die Heizwärme abgestellt“. In den Lohnverhandlungen der Chemieindustrie gehe es deshalb jetzt „erst einmal um die Frage, inwieweit es tarifpolitisch derzeit überhaupt etwas zu verteilen gibt“, so Oberschulte. Die Chemie-Tarifrunde ist die erste große Branchentarifrunde in einem Wirtschaftsbereich, der ökonomisch unmittelbar von den Folgen des Kriegs in der Ukraine und der Sanktionen gegen Russland betroffen ist. In der Metall- und Elektroindustrie mit insgesamt knapp vier Millionen Beschäftigten laufen die aktuellen Lohntarifverträge der IG Metall noch bis Ende September.



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