Wann kommt der Corona-Impfstoff auch in Deutschland?

Deutschland diskutiert, angestachelt durch ein großes, deutsches Boulevardblatt über die Frage, wann die Zulassung des BioNTech-Impfstoffes in Europa erteilt wird und die Impfungen auch in Deutschland beginnen. Ein Faktencheck.

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In den letzten Tagen hat die „BILD“ eine regelrechte Kampagne mit dem Ziel, die Zulassung des BioNTech-Impfstoffes gegen Sars-Cov-2 herbeizureden, angezettelt.

In großen Buchstaben wird ein „Druck machen“ der Bundesregierung im „Impfstoff-Krimi“ gemeldet, man zitiert einen Wirtschaftsprofessor, der von „15 000 Toten wegen Impf-Trödelei“ spricht und man schreibt Kommentare wie „Fangt verdammt nochmal mit dem Impfen an!“

Dort echauffiert sich Bild-Vize Paul Ronzheimer darüber, dass es ja nicht zu fassen sei, dass „die Welt“ (sprich: Andere Staaten) den BioNTech-Impfstoff „feiern“ und Deutschland „bedröppelt daneben steht“.

Fakt ist: Zahlreiche Länder, darunter Großbritannien, die USA, Mexiko, Saudi-Arabien und Bahrain haben dem BioNTech-Impfstoff aus Deutschland bereits eine Zulassung erteilt und haben mit der Impfung begonnen.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA lässt weiter mit einer Zulassung auf sich warten und prüft gerade in einer „zweiten Schleife“ gelieferte Daten.

Die Zulassung ist für 29.12.2020 geplant, sodass ab Anfang des Jahres auch in Europa mit der Impfung begonnen werden könnte, knapp vier Wochen nach Großbritannien. „Wir tun alles dafür„, dass es noch im Dezember losgehen könne mit dem Impfen, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag im „Polittalk aus der Hauptstadt“. Er machte aber gleichzeitig deutlich, dass es keine Notfallzulassung für Deutschland geben werde, sondern man die von Beginn an geplante europäische Zulassung abwarte. Spahn erklärte: „Damit sind wir mit allen 27 Mitgliedstaaten angetreten, nicht zuletzt, um Vertrauen zu erhalten. Ich bin mir sehr sicher, bei einer Notzulassung würde manche Debatte sicherlich darüber geführt: Ist da genug geprüft worden, wurde da tief genug hineingegangen in die Daten?“

Unterdessen fordert die Deutsche Krankenhausgesellschaft eine Notfallzulassung für den Impfstoff. „Ich frage mich, ob wir wirklich bis zum 29. Dezember brauchen, um in Europa eine Zulassung des Impfstoffs zu erreichen. Europa sollte auch versuchen, schon vorher eine Notfallzulassung zu schaffen„, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Dann könnten wir noch vor Weihnachten mit mobilen Teams in die Pflegeheime gehen und die Bewohner dort impfen.

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sieht eine Notzulassung als rechtlich möglich an, gibt aber zu bedenken, dass man nicht „vorbereitet wurde, weil man mit der Verzögerung der Zulassung auf europäischer Ebene einfach nicht rechnen konnte“. Jetzt sei es zu spät für eine Notzulassung, denn diese würde länger dauern, als wenn man auf die EU-Zulassung warten würde.

Auf den ersten Blick scheint es also tatsächlich so, als ob die europäische Behörde einfach zu langsam sei. Dies mag vielleicht sogar stimmen.

Bei allem Wunsch nach einer schnellstmöglichen Verfügbarkeit eines Impfstoffs muss man auch zugestehen, dass eine gründliche Prüfung des Vakzins auf Nebenwirkungen elementar wichtig ist.

Nach der aktuellsten Presseinformation von BioNTech sind derzeit folgende Sicherheitsempfehlungen für die USA ausgesprochen worden:

  • Immunsupprimierte Personen, einschließlich Personen, die Immunsuppressiva erhalten, könnten eine verringerte Immunantwort auf den COVID-19-Impfstoff von Pfizer und BioNTech haben.
  • Der COVID-19-Imfpstoff von Pfizer und BioNTech schützt eventuell nicht alle Empfänger des Impfstoffs.
  • In klinischen Studien wurden folgende Nebenwirkungen für den Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoff in Teilnehmer im Alter von mindestens 16 Jahren beobachtet: Schmerzen an der Injektionsstelle (84,1 %), Erschöpfung (62,9 %), Kopfschmerzen (55,1 %), Muskelschmerzen (38,3 %), Schüttelfrost (31,9 %), Gelenkschmerzen (23,6 %), Fieber (14,2 %) und Lymphadenopathie (0,3 %).
  • Schwere allergische Reaktionen wurden nach der Verabreichung des Pfizer-BioNTech-Impfstoffs während der breitangelegten Impfung außerhalb der klinischen Studien beobachtet. Weitere, eventuell auch schwere Nebenwirkungen könnten auch erst bei einem großflächigen Einsatz des Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoffs in Erscheinung treten.
  • Die bisher verfügbaren Daten zum Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoff sind unzureichend, um eine Aussage zu den Risiken bei Schwangeren zu machen.
  • Es gibt keine ausreichend verfügbaren Daten zur Beurteilung der Auswirkungen des Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoff auf den gestillten Säugling oder die Milchproduktion/Milchabgabe.
  • Es sind keine Daten bezüglich der Austauschbarkeit des COVID-19-Impfstoffs von Pfizer und BioNTech mit anderen COVID-19-Impfstoffen verfügbar, um die vollständige Impfung abzuschließen. Personen, die die erste Dosis des Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoffs erhalten haben, sollten auch die zweite Dosis des Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoffs erhalten, um die vollständige Impfung abzuschließen.

Der Impfstoff wird mit einer Wirksamkeit von 95 Prozent angegeben. Zum Vergleich, eine übliche Grippeimpfung hat eine Wirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen von 59 bis 75 Prozent, bei Erwachsenen zwischen 59 und 67 Prozent und bei „älteren Erwachsenen“ zwischen 41 und 63 Prozent.

Auch dort kann es zu Nebenwirkungen kommen. Schwere Nebenwirkungen hingegen sind „selten“, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Die sorgfältige Prüfung des Impfstoffs ist ein wichtiger Bestandteil, um Vertrauen zu einem unbekannten Mittel zu erlangen. Bei allem Wunsch nach schneller Abhilfe gegen diese unsägliche Pandemie, darf der Gesundheitsschutz nie vernachlässigt werden.

Eine Notfallzulassung wäre auch in anderen europäischen Ländern möglich, dass darauf gemeinschaftlich verzichtet wird, sollte jedem, der eine rasante Zulassung fordert, zu denken geben.

Oder wie es Curevac-Hauptinvestor Dietmar Hopp bereits im September sagte: „Dieses Rennen (um den schnellsten Impfstoff, Red.) können wir nicht gewinnen. Aber wir wollen das Rennen um den besten Impfstoff gewinnen, und da haben wir gute Chancen.“ Für Hopp zählt in diesem Zusammenhang: „Gute Wirksamkeit und lang anhaltender Impfschutz bei möglichst geringer Dosierung. Das senkt auch die Produktionskosten und damit den Preis.

Übrigens: CureVac startete gestern mit der entscheidenden Phase der klinischen Studie. Mit Ergebnissen wird im März gerechnet. Übrigens: Die EU hat sich 405 Millionen Impfdosen des CureVac-Impfstoffes gesichert. Bei BioNTech sind es 300 Millionen Dosen.





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