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Kanzlerin Merkel zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Andacht zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in der „Kapelle der Versöhnung“ am 9. November 2019 in Berlin.
Angela Merkel, Bundeskanzlerin | Bild: CDU/Laurence Chaperon
Angela Merkel, Bundeskanzlerin | Bild: CDU/Laurence Chaperon

Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Andacht zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in der „Kapelle der Versöhnung“ am 9. November 2019 in Berlin.

Sehr geehrter Herr Präsident des Bundestags, sehr geehrter Herr Präsident des Bundesrats, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten, sehr geehrte Exzellenzen, sehr geehrter Bischof Dröge, sehr geehrter Herr Pfarrer Jeutner, meine Damen und Herren,

ich möchte den Jugendlichen aus den Visegrád-Staaten für ihre Worte hier in dieser Kapelle, an deren Stelle früher die Versöhnungskirche stand, ganz herzlich danken. Die Worte regen uns zum Nachdenken an. Sie regen zum Nachdenken über das an, was hier geschah, aber vor allem auch darüber – das kam in allen Worten zum Ausdruck –, was es für die Zukunft bedeutet und was wir in der Zukunft beherzigen müssen.

Seit dem Mauerbau 1961 lag die Versöhnungskirche im Todesstreifen der Berliner Mauer, unerreichbar für alle Berliner in Ost und West. 1985 wurde sie gesprengt. Das war nichts anderes als ein Akt der Menschenverachtung. Denn die Kirche stand einem freien Schussfeld im Weg. Die eigenen Bürgerinnen und Bürger sollten ins Visier genommen werden, die lediglich eines suchten: die Freiheit. In der Sprengung der Versöhnungskirche zeigte sich gleichsam die Unversöhnlichkeit der Diktatur der DDR mit dem Grundbedürfnis des einzelnen Menschen, Freiheits- und Menschenrechte für sich in Anspruch zu nehmen.

Zu viele Menschen wurden Opfer der SED-Diktatur. Wir werden sie nicht vergessen. Ich erinnere an die Menschen, die an dieser Mauer getötet wurden, weil sie die Freiheit suchten. Ich erinnere auch an die 75.000 Menschen, die wegen Republikflucht inhaftiert waren. Ich erinnere an die Menschen, die Repressionen erlitten, weil Angehörige von ihnen geflohen waren. Ich erinnere an die Menschen, die überwacht und denunziert wurden.

Ich erinnere an die Menschen, die unterdrückt wurden und ihre Träume und Hoffnungen begraben mussten, weil sie sich staatlicher Willkür nicht beugen wollten.

Der 9. November, meine Damen und Herren, ist ein Schicksalstag der deutschen Geschichte. Am heutigen Tag gedenken wir auch der Opfer der Novemberpogrome im Jahr 1938. Wir erinnern an die Verbrechen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 an den jüdischen Menschen in Deutschland begangen wurden. Was darauf folgte, war das Menschheitsverbrechen des Zivilisationsbruchs der Shoa.

Der 9. November, in dem sich in besonderer Weise sowohl die fürchterlichen als auch die glücklichen Momente unserer Geschichte widerspiegeln, ermahnt uns, dass wir Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegentreten müssen. Er mahnt uns, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Freiheit und Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen.

Am 9. November 1989, heute vor 30 Jahren, ist die Berliner Mauer gefallen. Noch kurz zuvor hatte das kaum jemand für möglich gehalten. Am Beginn des Schicksalsjahres 1989 war es noch eine kleine Minderheit, die für Bürgerrechte, Freiheit und Demokratie einstand und dafür Benachteiligungen, Verfolgung und Inhaftierung in Kauf nahm. Diese Minderheit konnte jedoch bald viele Tausende und Hunderttausende ermutigen, die dann im Herbst 1989 ihren Protest auf die Straße trugen. Andere wiederum kehrten über Ungarn, Prag oder Warschau der DDR den Rücken. Sie alle haben zum Fall der Berliner Mauer beigetragen und damit den Weg zur Einheit unseres Landes geebnet. Sie alle verdienen dafür unseren Dank.

Die friedliche Revolution in der DDR hatte mutige Vorbilder. In Polen erreichte die Solidarność erste demokratische Erfolge. In der Tschechoslowakei machte die Charta 77 Mut. In den drei baltischen Staaten machte sich die längste Menschenkette der Geschichte für Unabhängigkeit stark. Und Ungarn machte den Eisernen Vorhang durchlässig. Der Ruf nach Freiheit schuf schließlich neue Demokratien in Mittel- und Osteuropa.

Deutschland und Europa konnten endlich zusammenwachsen.

Doch die Werte, auf die sich Europa gründet – Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, die Wahrung der Menschenrechte –, sind alles andere als selbstverständlich. Sie müssen immer wieder neu gelebt und verteidigt werden. Auch in Zukunft muss Europa für Demokratie und Freiheit, für Menschenrechte und Toleranz einstehen. Das ist in Zeiten tiefgreifender technologischer und globaler Veränderungen aktueller denn je.

Der Beitrag des Einzelnen mag dabei manchmal klein erscheinen. Aber davon dürfen wir uns nicht entmutigen lassen. Stattdessen können wir an die Worte von Václav Havel denken, wonach die Freiheit wie das Meer sei.

Ich zitiere ihn: „Die einzelnen Wogen vermögen nicht viel. Aber die Kraft der Brandung ist unwiderstehlich.“

Die Berliner Mauer, meine Damen und Herren, ist Geschichte. Das lehrt uns: Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheiten begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann.

Ich möchte zum Ende ein kurzes Gedicht von Reiner Kunze zitieren, der über die Mauer geschrieben hat:

Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht, wie hoch sie ist in uns.
Wir hatten uns gewöhnt
an ihren Horizont und an die Windstille.
In ihrem Schatten warfen
alle keinen Schatten.
Nun stehen wir entblößt
jeder Entschuldigung.

Das gilt für uns alle, in Ost und West. Wir stehen entblößt jeder Entschuldigung und sind aufgefordert, das Unsere für Freiheit und Demokratie zu tun.

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